Kapitel Eins – Daily Business
London – Irgendwann, in nicht allzu entfernter Zukunft
Verwirrt von der seltsamen Kälte und Trübe des Wassers, schwamm Coral zunächst gerade aus, in der Hoffnung, es würde sie in bekanntere Gewässer führen. Noch vor wenigen Momenten war das Wasser klar und salziger gewesen. Irgendetwas stimmte nicht. Coral vermutete, dass sie eventuell nach dem Großen Riff eine falsche Abzweigung genommen hatte und nun in den Abfallgewässern gelandet sein musste. Doch wie fand sie nun den Weg zurück? Das brackige Wasser wurde mit jedem Flossenschlag dunkler und Coral spürte, wie der verseuchte Sauerstoff des brackigen Wassers durch ihre feinen Kiemen in ihren Körper gelangte. Das nächste Mal würde sie besser aufpassen, in welche Richtung sie schwamm! Sie kniff fest ihre Augen zusammen, um den Weg einigermaßen erkennen zu können. Die vereinzelten Fische, die an ihr vorbeiflitzten, sahen seltsam aus. Hoffentlich war sie bald aus dieser Zone draußen…
***
Raymond Digby seufzte. Der einfahrende Zug war bis zum geht nicht mehr überfüllt. Das musste man noch nicht einmal durch die beschlagenen Fenster sehen, das roch man. Jahrelange Erfahrung hatte ihm einen wohl einzigartigen siebten Sinn verschafft, der wohl „Zugüberfüllungfühlungsmechanismus“ genannt werden musste. Ein weiterer Seufzer entfuhr ihm und Raymond versuchte sich irgendwie in den Zug zu quetschen. Es war ja nicht so, dass die Züge nicht im Minutentakt fuhren, aber das Warten auf den nächsten war zwecklos. Das hatte er immer mal wieder ausprobiert und jedes Mal war er zu der Erkenntnis gekommen, dass so etwas einfach nicht möglich war. Zumindest nicht in einer solchen Stadt wie London. Sicherlich, an anderen Orten dieser Welt funktionierte das. Aber eben nicht da, wo er war. Nur einmal hatte Ray erlebt, dass die „Ich-warte-auf-den-nächsten-Zug“-Taktik tatsächlich funktioniert hatte. Da war er mit seiner damaligen Ex-Freundin Catherine für zwei Wochen in Deutschland gewesen. Sie war damals auf die Idee gekommen eine Reise nach Wiesbaden zu buchen, einem Ort, von dem Ray bis dato noch niemals gehört hatte. Aber immerhin. Dort funktionierte es eben. Noch ein Seufzer. Ja, er bemitleidete sich selbst. Das tat Ray Tag für Tag, denn es war mitunter auch sein einziges Hobby. Hobbies – für was machte man das? Ach ja, zum Spaß!
Spaß kannte Ray eigentlich nicht. Hin und wieder besuchte er seinen besten Freund Edmund, oder umgekehrt. Aber mehr als ein paar Bierchen und die ewigen Grundsatzdiskussionen über Frauen kamen dabei auch nicht rum. So war das nun mal. Nach geschlagenen elf Jahren Singledasein ließ man kein gutes Haar mehr an der Frauenwelt. Tatsächlich, elf Jahre. Wahrscheinlich waren die Busse und Bahnen in Wiesbaden nun auch dauerhaft überfüllt.
„Verzeihung, Sie stehen mir im Weg.“, sagte eine weibliche Stimme in der entferntesten Ecke seines Hinterkopfes. Die Frau drängte sich genervt an ihm vorbei – der Zug hatte gehalten und die Tür war weit aufgerissen. Versunken in seinem Selbstmitleid und seinen Gedanken hatte er das aber nicht bemerkt. Kann vorkommen.
„Bayswater.“, schallte eine weibliche Stimme sanft aus den Lautsprechern des Wagons. Hier stiegen in der Regel nur durchschnittlich viele, das heißt noch immer mehr als die Hälfte der Bevölkerung Londons, ein und aus. Raymond atmete tief ein und aus, als er den Zug verließ. Wie herrlich war es der stickigen Luft des Wagons zu entfliehen und die frische Luft, die immer einen leichten Hauch von Urin und Alkohol in sich trug, einzuatmen.
Von Beruf war Ray studierter Informatiker und sein Job war eigentlich ein Volltreffer. Gut bezahlt, humane Arbeitszeiten (abgesehen von der monatlich doppelten Anzahl der Überstunden), freundliche Kollegen und ein noch freundlicher Chef. Der Name der Firma war „Perch and Simmon“ und in London durchaus angesehen. An Auftraggebern gab es nur selten Mangel. Aber es war eben jener graue Trott, in den Raymond hatte niemals reinfallen wollen. Doch nach schon knapp drei Jahren hatten ihn die vielen Arme des grauen Alltags fest im Griff und auch jetzt nach geschlagenen dreizehn Jahren schnürten sie seine Lebensqualität noch immer erfolgreich ab.
Ach ja. Das Selbstmitleid.
***
„Und dann meinte sie: Ich brauch noch ein bisschen Zeit, ich bin dafür noch nicht bereit.“
Edmund stöhnte laut auf. „Frauen. Ich versteh sie einfach nicht. Da will man ihnen was Gutes tun und was kommt dabei raus? So ein gequirlter Quatsch! Ich sollte Mönch oder so was in der Art werden. Buddhistischer Mönch wär doch genau das Richtige für mich, findest du nicht?“ Ray schüttelte den Kopf und antwortete: „Für einen Buddhisten bist du viel zu menschen-und ganz besonders frauenfeindlich…“
Edmund schaute ihn verdutzt an und wollte etwas erwidern, doch dann hielt er kurz inne. Ray schwieg und wartete, denn das war eine von Edmunds vielen Denkphasen. In diesen Denkphasen ging Edmund alle möglichen Dinge durch, die er antworten konnte. Dabei suchte er meist immer die ehrlichste und zutreffendste Option.
„Ich glaube, du hast wohl Recht.“, seufzte er und nickte zustimmend. „Naja, drum sei es. Was haben wir denn für heute Abend geplant?“
Ende Kapitel Eins